Die Seuche der Produktpiraterie grassiert in allen Branchen.
So wird es für die Industrie immer wichtiger die Fälscher und Kopierer auf frischer Tat zu ertappen. Ermöglichen tun dies meist private Detektive wie Manuel Gaier. Dieser ist Wirtschaftsermittler, zumindest steht dies auf seiner Visitenkarte. Über 40 Jahre ist Gaier bereits im Geschäft. Er ist ein 64 Jahre alter, schlanker Privatermittler mit weißem Haar und wachem Blick hinter unauffälliger Brille. Unauffällig ist auch seine Detektei: Eher klein im Ausmaß. Bescheiden eingerichtet und mitten im Grünen gelegen.
In seinem Büro empfängt er hier täglich Kunden, die ihn um Hilfe im Kampf gegen die hartnäckigen Produktfälscher und Markenpiraten bitten. Ob Fußballschuhe, Medikamente, T-Shirts, Jeans, Flugzeugteile oder ganze Automobile – das Geschäft der Piraten floriert. „Das ist ein Markt, der rasant bedrohliche Maßstäbe annimmt“, sagt Gaier. Der deutsche Zoll beschlagnahmte exemplarisch Waren im Wert von über 1ner Milliarden Euro – gemessen am Preis der Originale, denn die Plagiate sind deutlich kosten- und produktionsgünstiger.
Nach Schätzung der Bundesregierung fertigen Fälscher weltweit Produkte im Wert von 150 Milliarden Euro – alleine in Deutschland gehen durch diesen Handel mehr als 100000 Arbeitsplätze verloren. Kaum eine Branche der Wirtschaft ist vor der Piraterie sicher. So trafen sich exemplarisch Experten der Wirtschaftsspionage auf der weltgrößten Automobilmesse IAA in Frankfurt und blicken auf den Stand von China Automobile: Der Importeur vertreibt die stark an den Geländewagen X5 von BMW sowie den Smart Fortwo von Mercedes erinnernden Autos Shuanghuan Ceo und Nobel. Wochenlang rätselten Detektive und Fachkundige, ob sie erstmals in Deutschland auftauchen würden – erschreckend, denn der Ceo ist nun auch auf der IAA.
Mit komplett nachgemachten Automobilen hatte es Detektiv Gaier noch nicht zu tun. Gefälschten Ersatzteilen, wie beispielsweise Bremsbelägen oder Felgen, war er mit seinen rund 30 Mitarbeiten schon häufig auf der Spur. Seine Arbeit beginnt meist damit, die Produkte der Piraterie ausfindig zu machen. Doch wo tauchen diese Waren auf? Auf Flohmärkten oder im Internet? In Werkstätten oder im Handel des öffentlichen Verkaufs? Anschließend gilt es die Herkunft der Waren zu erforschen, um Fälscher oder ihre Händler ausfindig zu machen. Dazu kann tagelanges Observieren gehören – inklusive einiger unschöner Aktivitäten wie das Durchsuchen verdächtiger Mülleimer. Ebenfalls eine direkte Kontaktaufnahme unter falscher Identität gehört zum Alltag der Detektive, denn Lügen ist nicht strafbar und somit eine probate Ermittlungsmethode.
Sobald die Fälscher und ihre Lager- oder Produktionsstätte entdeckt sind, wird der Gerichtsvollzieher eingeschaltet, damit dieser die Ware beschlagnahmen und anschließend vernichten kann. Und dies muss möglichst schnell geschehen, wie an einem Beispiel Gaiers deutlich wird.
So verursachte ein gefälschter Duft, den die Detektive mittlerweile erfolgreich vom Markt nehmen konnten, beispielsweise Flecken auf der Kleidung des Endabnehmers. Der Originalhersteller hatte somit nicht nur mit dem finanziellen Verlust zu kämpfen, sondern ebenfalls mit einem beträchtlichen Imageschaden. Wer kauft schon den neuen Duft einer Marke, dessen vermeidlicher Vorgänger Hemd und Hose beschmutzte?
Die Firmen selbst kann Gaier nicht nennen, denn Diskretion gehört zum Detektivgeschäft – immerhin berichtet er überhaupt über Markenpiraterie, denn viele schweigen lieber darüber. Sehr verschlossen sind zum Beispiel Pharmahersteller und die bereits angesprochene Automobilindustrie. Ein Besuch in der Fachabteilung ist in vielen Firmen ausgeschlossen, ebenso wie Auskünfte über das Vorgehen gegen eben jene Piraten. Kurz vor der IAA jedoch hat sich die Lage für viele Autohersteller drastisch zugespitzt: BMW hat Klage gegen den Vertrieb des chinesischen Ceo in Deutschland eingereicht. Mercedes behält sich rechtliche Schritte vor. Das war allerdings schon alles, was über dieses Thema seitens der Hersteller zu berichten ist, denn auch schlechte Werbung ist gute Werbung. Womöglich könnte jedes verlorene Wort zum Kauf der Plagiate ermutigen – im Fall des Ceo ist dieser nämlich in China für ein Fünftel des Preises eines X5 zu haben.
Author: JK.
Bild von Srecko Djarmati – Fotolia.com
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